Windspiel
Autor(en): Moira Wolfsfell
In der Nacht wälzte ich mich mehr herum, als daß ich schlief. Beide Kerle, die es sich auf dem Boden gemütlich gemacht hatten, schnarchten und pfiffen durch ihre ach, so männlichen Zinken, daß ich schon Angst hatte, die Wölfe des umliegenden Waldes würden neugierig und auf der Suche nach einem Lebenspartner in mein Hyrd eindringen! Umso mehr freute ich mich über die neue Tür. Aber wie war sie dorthin gekommen? Und weshalb behauptete Jedder van Dijk - ein, wie man hörte, eigentlich ehrenwerter Händler - er hätte dieses Hyrd vor zwei Monden erworben? Und was sollte das Gefasel über meine langjährige Abwesenheit?
Ich gab mich geschlagen und zerrte mich mit einer Hand in die Traumwelt, während die andere damit beschäftigt war, mir die Ohren zuzuhalten.
Der nächste Morgen brach an, und der Duft von frisch gekochtem Schwarzbohnentrunk stieg in meine Nase. Höggr, war das schön! Wann hatte ich das das letzte Mal gehabt?
"Schwarzbohnentrunk!" brüllte mir eine vertraute Stimme ins Ohr. Ich setzte mich auf, um das herrliche Gesöff entgegenzunehmen, als mir gerade noch rechtzeitig auffiel, daß ich mich nachts aus meinen Fellen gewühlt hatte und nun nur unzureichend bedeckt auf meinem Bett saß. Hastig zog ich eines der Felle an mein Kinn, während ich nebenbei schicklich errötete.
Dies sind die kleinen Gesten, die eine Frau verführerisch erscheinen lassen. Wieso das bei Menn ankommt? Fragt mich etwas leichteres. Aber das tut es.
Jedder und Tyggris strahlten mich sofort mit breitem Grinsen an. Jedder streckte mir einen Schwarzbohnentrunk entgegen, Tyggris hielt den Honig. Beide standen sie mit roten Ohren vor mir, obgleich ich den Eindruck hatte, daß die von Jedder irgendwie ein wenig aufgesetzt aussahen; zumindest leitete ich dies aus dessen schiefen Grinsen ab, welches mit Schamgefühl nicht viel zu tun haben schien.
Ich raffte meine Felldecke, nahm den Trunk dankend entgegen und schlürfte genüßlich an demselben.
"Moira, wir sollten uns nun über dieses Haus unterhalten", unterbrach Jedder die Stille.
Im nächsten Moment stand Tyggris auf, murmelte ein "Ich geh dann mal" und ging zur Tür.
"Habt ihr nicht etwas vergessen?" fragte ich, die Erinnerung an unsere Begegnung im Plappernden Wolf weckend. "Morgen, Moira, ja?" Er drehte sich noch einmal um, lächelte mich warm an und verließ das Hyrd.
Ich verfolgte ihn mit meinem Blick, während ich das Gespräch aufnahm und dem Frysen antwortete: "Unterhalten? Worüber? Ihr werdet euch wohl ein neues Hyrd suchen müssen! Seid nur froh, daß wir uns so gut kennen, und ich euch nicht von der Blumenküstenwache einsperren lasse!"
"Die Blumenküstenwache?" lachte mein Gegenüber fassungslos. "Dieser Haufen besoffener Taugenichtse? Sollen nur kommen, vor denen habe ich nun wirklich keine Angst!"
Ich war nur froh, daß Tyggris unserem Gespräch nicht mehr beiwohnte. Wenn jemand etwas gegen ihn und seinesgleichen sagte, war mit ihm nicht gut Yakhmilch saufen! Jedder jedoch kicherte noch immer. "Ich gebe zu, meine Liebe, ich war bei meinem ersten Besuch vor...", er überlegte einen Schluck, stellte dann mit gerunzelter Stirn fest: "...ja, vor genau einem Jahr überrascht über die Tüchtigkeit der Männer, die dort ohne Führung ihren Dienst machten. Doch als ich nach zehn Monden in diese... Stadt zurückkehrte..."
Wie er das Wort "Stadt" ausspuckte, als wäre es ein Berg aus Dreck! Ich ärgerte mich fürchterlich, unterließ es jedoch vorerst, mir Luft zu machen.
"...war aus der einst so tapferen Blumenküstenwache ein Haufen Versager geworden, die sich dem Glücksspiel und der Sauferei hingaben. Nicht, daß ich etwas gegen's Saufen hätte, aber es gibt Grenzen."
Der plappernde Fryse holte Luft, und ich ergriff die Chance, ihn zu unterbrechen: "Ihr meint, die tapferen Soldaten wären Versager? Gestern erst hatte ich ein ausgiebiges Gespräch mit einem sehr tüchtigen Byrdmannr der Blumenküstenwache!" Ich dachte dabei an Tyggris und wünschte mir von Herzen, diese Tüchtigkeit einmal besser kennenzulernen...
"Wolfsfell, das kann aber nicht sein!" Jedder riß das Gespräch wieder an sich. "Ihr seid seit über einem Jahr nicht mehr in dieser Stadt gesehen worden! Und wenn man den Leuten auf der Straße glauben möchte, seit mehr als zehn Jahren nicht! Was ich", murmelte er hinterher, "allerdings auch nicht zu glauben vermag."
Einen Moment lang war es still in meinem Hyrd. Die Wände schienen verdutzt, waren sie schließlich ein stetes Gebrabbel von ihrer Eigentümerin gewöhnt. Ja, ich gebe zu, hin und wieder Selbstgespräche zu führen, doch selbst der Quacksalber Devereux hat noch nichts Schlechtes dazu geäußert.
Aber zurück zum Thema:
"Zehn Jahre soll ich fort gewesen sein?"
"So sagen es die Bewohner der Stadt."
"Und was sagt ihr, werter Jedder van Dijk?"
"Ich sage: ein Jahr!"
Ich ließ mich rückwärts auf mein Bett fallen. Ich glaubte Jedder. Zuviel war passiert, zuviel war einfach zu undurchsichtig. Die Zimmerdecke über mir, an denen sich die Staubflusen mit dem Wind vergnügten, begann zu verschwimmen. "Hättet schonmal sauber machen können, Mannr!"
Jedder zog die Augenbrauen hoch und entgegnete schräg grinsend: "In eurem Hyrd?"
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