Briefwechsel Julien - Moira
Autor(en): Julien Devereux, Moira Wolfsfell
An die ehrenwerte Moira WolfsfellStatthalterin von Ulfurstud
via Brieftaube
Verehrte Freundin!
Ich danke Euch von ganzem Herzen für Euer Schreiben, welches ich am gestrigen Tage in den Händen halten durfte. Verzücken aber auch Bestürzung beschlichen mich ob Eurer Worte. Verzücken - da Ihr es mir gestattet, Euch Freundin nennen zu dürfen, Bestürzung ob Eurer Bitte, Euch zukünftig nicht mehr mit dem Eurer Verdienste entsprechenden Titel ansprechen zu dürfen.
Lange habe ich darüber nachgedacht, ob es sich wohl geziemen würde, wenn ich, ein wandernder Bein- und Markschneider, Euch, der an allen Orten, da ich auch nur den leisesten Hauch davon erwähnte, dass mein nächstes Reiseziel Ulfurstud sein würde, überschwänglich gelobten Stadthalterin, einen Rat erteilen würde. Jedoch bin ich schlussendlich zu der Ansicht gelangt, dass es Not tut.
Ihr schriebet, dass Euch als Unfreie der Titel "Eminenz" bzw. andere Titel nicht zuständen. Betrachten wir es einmal pragmatisch. Unzweifelhaft seid Ihr "unfrei" - jedoch mit dem nahen Ziel vor Augen, nach erfolgter Bewährung in den Stand eines vollwertigen Mitglieds im großen Volke der Wali erhoben zu werden. Viele Unfreie leben unter den Wali, sei es aufgrund von Eroberungen, sei es dass es das Schicksal aus anderen Gründen für sie diesen Weg gewählt hat. So könnt Ihr es als eine Bewährungsprobe, als einen Reifeprozess ansehen, aus welchem Ihr am Ende zweifellos stärker und weiser hervorgehen werdet, als Ihr es bisher zu hoffen wagtet.
Nun bitte ich Euch einen kurzen Augenmerk auf mein Leben zu werfen. Keine Angst, es ist wirklich nur ein ganz kurzer Blick. Seid nunmehr über 45 Jahren treibt mich das Schicksal ruhelos über die Weiten Magiras. Beliebt Euch zu erinnern, wie ich Euch von meiner fortwährenden Suche nach meinem über alles geliebten Weib Eleonora berichtete, welche mir in einem Akt kriegerischen Verbrechens aus den Händen gerissen wurde. Seit jener Zeit bin auch ich unfrei - abhängig, gefesselt an eine nicht enden wollende Suche, eine abgrundtiefe Verzweiflung, davon beseelt, meine Geliebte eines Tages wieder in den Armen halten zu dürfen.
Über diese Suche wurde ich zu einem alten, müden Mann - ein Künstler meines Faches zwar, hochgeachtet, mit zahlreichen Ehrungen versehen, und dennoch, nicht mehr Herr über mich selbst.
Ihr, verehrte Moira, seid jung an Jahren. Es wird nicht mehr lange dauern, da werdet auch Ihr - wie schon unzählige vor Euch - diese Zeit der Abhängigkeit hinter Euch lassen. Nutzt die erworbenen Erfahrungen für Euer späteres Handeln, und seit schon jetzt stolz auf das, was Ihr für den Stamm der Heden - nein, für das gesamte Volk der Wali geleistet habt.
Darum gestattet mir anschließend die Frage, wer von uns beiden denn nun wirklich "unfrei" ist - doch bevor Ihr antwortet bedenket, die wahre Freiheit lebt in unserem Herzen, und kann uns von keinem Gesetz, von keiner höheren Macht, ja selbst den Göttern nicht, genommen werden!
Dies schrieb Euch Euer treuer Freund
Julien Devereux
Pharmaceuticus, Chirorgos, Dentist