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Dekadent

Autor(en): Grisgrim & Moira Wolfsfell

Ich erwachte im Krankenhyrd der Blumenküstenwache. Ganz nach allen Regeln stand eine wie üblich vorwurfsvoll dreinblickende Stadthalterin neben mir. Mein Körper war betäubt, und ein sich fortwährend klärender Blick brachte die Erkenntnis, daß mein linker Arm dick eingewickelt war.
"Bedank dich bei mir, daß du deinen Arm noch hast", polterte Moira los. "Hätte ich dich trotz widrigster Umstände nicht hierher geschleift..." Doch ihr wütender Gesichtsausdruck wurde durch eine kleine, verstohlene Träne Lügen gestraft. "Du verdammter Berserker".

Ich verstand gar nichts.

Das letzte, woran ich mich noch erinnern konnte, waren die vielen Echsen, die uns umzingelt hatten. Tausende müssen es gewesen sein. Ich hatte in vertraute Gesichter geschaut und die Entschlossenheit gespürt. "Hil-vartagarr - Tod wir grüßen Dich!" hatten wir gerufen, denn uns war klar, ihm dieses Mal nicht von der Schippe zu springen. Keine Schlachtformation mehr, einfach losmetzeln und mitnehmen, was man kriegen kann! Ich hatte meinen letztes Gebet zu Höggr gesprochen, daß ich noch möglichst viele ins Jenseits befördern möge und dann... Schmerz. Dieser irrwitzige Schmerz, als eine dieser Viecher meinen Arm beinahe abriß und dann... Schwärze.


Und doch war ich am Leben. Ich lag in einem Bett im Krankenhyrd und starrte finster an die Decke. Schließlich trat der Galdrarmannr zur Studlydyr und mir an Bett und erzählte:
"Kurz vor der letzten Schlacht hatten sich einige hundert Bürger der Stadt an die Seite der Blumenküstenwache gestellt - mit oft nichts anderem als einem Besenstil oder einem Schmiedehammer bewaffnet.
"Davon hatte ich gar nichts mitbekommen", entgegnete ich.
"Ja", sagte der Zauberer, "was habt Ihr erwartet, wenn Ihr aus voller Kehle das Lied singt?"
Da hatte er recht: Dieses Lied war für Schlachten komponiert worden, für Blut und Eisen.
Er setzte seine Erzählung fort: "Und nachdem der Kampf begonnen hatte und Ihr, Flutydlydrar, bewusstlos am Boden lagt, hatte ein erst an die duzend Lenzen alter Knabe an anderer Stelle gleich zwei Echsen vor sich und wäre demnächst durch eine Ihrer Klauen aufgeschlitzt worden, hätte er nicht geniest. "Er nieste Rotz und Wasser, da er sich wenige Tage zuvor an der sogenannten Sphärengrippe angesteckt hatte."
"Sphärengrippe?" entfuhr es Moira. "Was ist denn das nun wieder?"
"Die Sphärengrippe ist eine von einem heftigen Kopfschmerz begleitete Grippe, an dem jeder Folterknecht der Horde seinen Spaß haben würde. Nach drei Tagen Bettruhe verschwindet sie so schnell, wie sie gekommen ist. Jedenfalls verliert man durch diese Grippe die Kontrolle durch sehr schwere Niesanfälle."

Er machte eine kurze Pause, um seine Worte wirken zu lassen.

"Und eben einer dieser Niesanfälle pulverte diese Grippe in die Luft. Mit dieser beniesten Luft kamen die Echsen schliesslich in Berührung, wanden sich augenblicklich und krepierten qualvoll. Als ich dies durch Zufall beobachtete, ließ ich in meiner Macht als Galdarmannr, Zauberer der Blumenküstenwache, eine seichte Brise aufkommen und von eben diese Nieser über die feindlichen Truppen hinwegzuwehen. Der Rest war einfach."
"Und dieser Knabe?", fragte ich sofort, "was ist mit dem?"
"Nun sein Name ist Ulfgrim. Er verlor seine Eltern, die ihn nach der Stadt benannt hatten, durch eine simple Laune der neuen Herrscherin mit dem Ziel, die Bevölkerung einzuschüchtern. Und dieser kleine Junge bittet Euch untertänigst, in die Blumenküstenwache aufgenommen zu werden. Aber das möchte er Euch selbst sagen."

Kurz darauf stand ein Knabe, kaum 10 Lenzen alt, vor mir und schniefte unbeholfen in seinen Ärmel.
"Soso Wie alt bist du? Zwölf Lenzen? Auf jeden Fall bist du noch zu jung für das Handwerk eines Kriegers."
Die Gesichtszüge des Jungen spiegelten seine Enttäuschung wieder, und neben seinem Schnupfen schluchzte er auch aus Traurigkeit.
"Ich erlasse folgenden Befehl: Ulfgrim, der Tapfere erhält das Recht auf Zugang zum Außenposten. Ihm zu Ehren, der er die Blumenküstenwache gerettet hat, benenne ich die Blumenküstenwache um. Fortan lautet Ihr Name Ulfgard."
Ulfgrim schaute hoch und salutierte stolz mit seinem vollgerotzten Ärmel.

Mit links nahm ich den Gruß ab.